Kunst im Blick
„Was wettet ihr? Den sollt ihr noch verlieren, wenn ihr mir die Erlaubnis gebt, ihn meine Straße sacht zu führen! – „Solang er auf der Erde lebt, solange sei dir ’s nicht verboten. Es irrt der Mensch, solang er strebt.“ Dieser kurze Dialog erinnert an den Beginn des alttestamentarischen Hiobbuches, ist aber aus dem „Faust“, dem Meisterwerk des Johann Wolfgang von Goethe, das 1808 erschienen ist. Unnachahmlich die Aufführungen von Gustav Gründgens als „Mephisto“ und Will Quadflieg als „Faust“ in der Mitte des letzten Jahrhunderts.
Das Drama geht auf die Person des Arztes, Astrologen und Schwarzkünstlers Johannes Faust zurück, der in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts lebte. Aus Berichten über seine Person entstand die Faustsage, in der Fausts Streben nach Wissen als Aufbegehren gegen Gott gedeutet wird. Bei Goethe wandelt sich dieser Stoff zu einem allgemeinen Menschheitsdrama: Das Streben des Menschen nach Selbstverwirklichung ist in den Augen Mephistos pure Selbsttäuschung, die im dumpfen Genuss endet.
In Goethes Drama stößt Faust an die Grenzen seines Könnens und Wissens und ist deshalb des Lebens, das er dem Wissen geweiht hatte, überdrüssig und möchte ihm ein Ende setzen. Nur der Engelsgesang des Ostermorgens hält ihn davor zurück, auch wenn Faust von sich selbst sagt: „Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.“ Von seiner Pein nicht erlöst, formuliert Faust selbst die Versuchung, der er erliegt und macht Mephisto folgendes Versprechen: „Werd ich zum Augenblick sagen: Verweile doch! Du bist so schön! Dann magst du mich in Fesseln schlagen, dann will ich gern zugrunde gehen!“
Zweihundert Jahre alt und wie für heute geschrieben. In der modernen Werbung heißt es dann: „Genieße den Augenblick! Du lebst jetzt.“ Und auch der Wunsch, alle Grenzen zu sprengen, ethische Einwände zu ignorieren, kennzeichnet die heutige Zeit. Und führt uns zugleich in eine biblische Szene von vor fast zweitausend Jahren: der Versuchung Jesu in der Wüste. Doch anders als bei Faust hat hier der Teufel nicht so leichtes Spiel. Wo bei Faust noch „Auerbachs Keller“ und „Gretchen“ ausreichten, beißt er bei Jesus auf Granit – obwohl der Teufel es geschickt anfängt: Er bietet den ewigen Kindheitstraum: reich und mächtig sein und dann alles besser machen, doch aus dem Alter ist Jesus heraus. Er widersteht den teuflischen Versuchungen, die ihm Leid und Tod erspart hätten, er widersteht dem Bösen, mag es auch noch so allgegenwärtig und mächtig sein. Eins führt uns Faust drastisch vor Augen: Wir werden in Versuchung geführt, führen uns selbst in Versuchung. Das Beispiel Jesu lehrt uns ein Zweites: Der Glaube ist nicht nur ein Gefühl, mag es noch so ernst und echt sein, der Glaube ist auch eine Angelegenheit der Vernunft. Das zeigt uns die intellektuell brillant geführte Auseinandersetzung Jesu mit dem Teufel. Doch – und das ist das Dritte, was uns das Evangelium von der Versuchung Jesu lehrt – wir müssen keine ausgebildeten Theologen sein, keine Genies, um den Versuchungen zu widerstehen. Jesus beginnt jede seiner Zurückweisungen mit den Worten: „In der Schrift steht …“ Mit Gottes Wort weist er die Versuchungen zurück. Mehr hat er nicht, mehr braucht er auch nicht.
